Warum nachhaltiges Reisen Selbstbetrug ist

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Vom Versuch, einen wirklich grünen Urlaub zu machen.

Ich stecke in einem Dilemma: Im Alltag mache ich gerne Dinge fürs Klima. Ich esse kein Fleisch, kaufe Secondhand-Kleidung und fahre Rad oder mit den Öffentlichen. Mich aber für die Umwelt auf ein nahes Urlaubsland beschränken oder sogar zu Hause bleiben? Mhmmm, lieber nicht. Meine Reiselust ist laut einem Fußabdrucktest im Internet auch der Grund dafür, dass mein ökologischer Fußabdruck mit 15,28 Tonnen CO2 deutlich höher ist als der deutsche Durchschnitt, der bei einem Verbrauch von 12,36 Tonnen CO2 im Jahr liegt.

Laut der Reiseanalyse 2019 der Forschungsgemeinschaft für Urlaub und Reisen verreisten die Deutschen im Jahr 2018 so viel wie nie zuvor. Unter dem Hashtag #travel finden sich auf Instagram 400 Millionen Schnappschüsse an allen möglichen Orten der Welt. Wir verschmutzen mit der An- und Abreise in das Urlaubsland unserer Wahl die Luft, verbrauchen vor Ort Unmengen an Wasser und produzieren Müll. Rund fünf Prozent (mehr als eine Milliarde Tonnen) aller klimaschädlichen Emissionen weltweit entstehen durch Tourismus. Der Großteil dieser Emissionen kommt aus dem Verkehr, der auch meinen Bigfoot-Fußabdruck auf Mutter Erde erklärt. Denn auf ferne Länder, Strand und fremde Kulturen möchte ich nicht verzichten und steige hierfür ins Flugzeug. Auf einen anderen Kontinent reisten 2018 mit mir rund 21 Millionen Deutsche, drei Prozent mehr als noch im Jahr davor.

Die „grünen“ Unterkünfte gaben mir das Gefühl, besser als die Massentouristen zu sein. Doch war ich das?

Viele Deutsche sind sich ihrer Verantwortung laut der Reiseanalyse aber bewusst und möchten nun zumindest umweltfreundlicher reisen. So auch ich, als ich dieses Jahr nach Costa Rica flog. Der Plan war, mein schlechtes Gewissen aufgrund der sechs Tonnen CO2, die ich allein durch die Anreise verursachen würde, mit meinem Verhalten vor Ort zu beruhigen: klimafreundliche Unterkünfte anstatt All Inclusive, Leitungswasser aus Edelstahlflaschen trinken anstatt Plastikflaschen im Supermarkt kaufen, in einheimischen Restaurants essen und Ausflüge mit lokalen Guides buchen. Umweltfreundliches Reisen, „sanftes Reisen“ oder auch „Ökotourismus“ bedeuten, dass Reisende versuchen, der Natur so wenig Schaden wie möglich zuzufügen. Sie sollen den Naturschutz mitfinanzieren und sich der Kultur des Landes anpassen. Doch ist das realistisch?

Vor ein paar Monaten reiste ich für 20 Tage mit meiner Familie durch Costa Rica. Das Land gilt als Paradebeispiel für nachhaltigen Tourismus. Wenn umweltfreundliches Reisen klappt, dann dort, dachte ich und bemerkte noch während der Planung das erste Problem: In Costa Rica gibt es kaum Zugstrecken, es blieben also nur Bus oder Auto. Die Mehrheit wollte Flexibilität und stimmte für den Mietwagen. Um dies auszugleichen, buchte ich vor allem „Öko-Lodges“, in deren Namen schon so viel Nachhaltigkeit steckt, dass ich meine moralischen Bedenken wieder vergaß. Tatsächlich hingen vor Ort in allen Unterkünfte Hinweisschilder mit „Think green“, „Use your towel twice“ oder „Save water and electricity“. Ich freute mich über jedes Schild, das mein schlechtes Gewissen unterdrückte und mir die Erlaubnis erteilte, meinen Urlaub – da nachhaltig – nun genießen zu dürfen. Die „grünen“ Unterkünfte gaben mir das Gefühl, besser als die Massentouristen zu sein. Doch war ich das? Auch wenn es keine Klimaanlage oder Fernseher gab, brummte die Minibar. Wenn ich mein Handtuch aufhängte, was laut dem Hinweis das Zeichen war, dass ich es ein zweites Mal benutzen will, war es am Abend trotzdem weg. In einer Unterkunft wurde auf den Verbrauch von Wegwerfplastikflaschen durch Urlauber hingewiesen. Als ein Gast jedoch darauf bestand, bekam er sein Wasser trotzdem in der Plastikflasche.

Spürbare Maßnahmen, durch die sich Gäste bewusst für die Umwelt einschränken? Fehlanzeige. Klimaneutrales Verhalten war optional. Oftmals hatte ich das Gefühl, dass das Wort „Öko“ als Label benutzt wird. Ein Marketinginstrument, das wahrscheinlich nicht primär zum Naturschutz, sondern zum Profit beiträgt.

Nur in einer Unterkunft stand das Wohl der Natur über dem des Menschen. Für den Bau der Bungalows wurden keine Bäume gefällt, sondern Altholz recycelt. Das Wasser wird von der Sonne erhitzt und abends wird der Strom abgestellt. Auch Wlan suchen Gäste hier vergeblich. Der Besitzer der Lodge forstet den Regenwald, den sein Vater vor Jahrzehnten aus wirtschaftlichen Gründen abholzte, mit dem Geld der Touristen wieder auf. Die Unterkunft ist mit einem Ökosiegel ausgezeichnet, was in Nachhaltigkeits-Foren als Regel Nummer Eins für umweltfreundliches Reisen gilt. In Costa Rica gibt es seit 2002 ein staatliches Programm für die Zertifizierung von Öko-Betrieben. Seit 2010 werden Ökosiegel in fünf Kategorien vergeben. Kriterien sind beispielsweise Energiesparprogramme und Abfallentsorgung. Die Unterkunft erfüllt 95 Prozent der klimafreundlichen Maßnahmen – Kategorie fünf. Andere Unterkünfte, die nur 20 Prozent erfüllen, dürfen aber mit dem selben Siegel werben. Weltweit gibt es mehr als 140 solcher Umweltsiegel. Wenn man vorab nicht gründlich recherchiert, ist es wie im Supermarkt: Man weiß nie, was wirklich drin steckt.

Nachhaltiges Reisen kann funktionieren. Allerdings muss man hierfür seinen Urlaub neu definieren

In Kategorie Fünf taucht dann plötzlich ein anderes Problem auf: Die Unterkunft ist so umweltfreundlich, dass die Gäste laut dem Besitzer im Durchschnitt nur zwei Nächte bleiben. Mitten im Regenwald liegt sie fernab der Zivilisation. Die Touren sind teuer, da zehn Prozent in Naturschutzprojekte im Regenwald investiert werden. Beim Abendessen sprachen Gäste darüber, dass sie das hier ja super fänden, aber im Urlaub ansonsten doch lieber im Hotel mit Pool wohnten. Auch ich verkürzte von vier auf drei Nächte. Laut der Reiseanalyse 2019 ist der Mehrheit der Deutschen Nachhaltigkeit im Urlaub wichtig. Unterwegs spiele das Klima dann aber eine untergeordnete Rolle. Authentisches, nachhaltiges Reisen ließ sich auch bei mir nicht immer mit meiner Vorstellung von Urlaub vereinen. So kommt es, dass „nachhaltige“ Urlauber nur einen kleinen Teil in klimafreundlichen Unterkünften wohnen, im Supermarkt zu Plastikflaschen greifen, da sie sich nicht sicher sind, ob das Wasser aus der Leitung trinkbar ist und mit Motorbooten anstatt Kanus durch Kanäle düsen.

Nachhaltiges Reisen kann funktionieren. Allerdings muss man hierfür seinen Urlaub neu definieren. Flugreisen und der Verkehr vor Ort können mit Spenden an Klimaschutzorganisationen kompensiert werden. Im Jahr 2018 taten dies laut der Reiseanalyse 2019 aber gerade einmal zwei Prozent aller Reisenden. Wer nicht aufpasst, betrügt sich selbst. So wie ich, die in der einen Unterkunft einen Baum pflanzt, aber 2.000 Kilometer mit dem Auto durch das Reiseland fährt.

Als ich auf dem Rückflug mein Veggie-Menü, das in vier kleine Plastikschalen verpackt war, aß, konnte ich nicht mehr denken: „Hey, wenigstens esse ich kein Fleisch, auch wenn ich gerade erneut sechs Tonnen CO2 in die Welt katapultiere.“ Ich kam mir heuchlerisch vor, das schlechte Gewissen war stärker als je zuvor und mein nachhaltiges Abenteuer gescheitert. Wenn ich das nächste Mal also nicht in vorab gut recherchierten Unterkünfte wohne, bereit bin mehr Geld auszugeben und meinen Flug kompensiere, sollte ich wohl doch lieber Zuhause bleiben. Denn vielleicht geht es nicht mehr darum, ferne Länder auf anderen Kontinenten zu entdecken, sondern sie am Leben zu erhalten.