Die Magie von Memphis

Der Name dieser Stadt steht für Musik, Magie und eine der größten Tragödien der amerikanischen Geschichte: Memphis. Wer die Seele Amerikas ergründen will, muss in die Metropole am Mississippi reisen.

Es gibt in jedem Land diese Orte, an denen alles zusammenfließt. Die Geschichte, die Kultur – der Besucher blickt in die Seele einer Nation. Man steht da, staunend, hat ein seltsames Kribbeln im Bauch und denkt, ja, wirklich, dies ist ein magischer Ort.

In Memphis, im US-Bundesstaat Tennessee, erlebt ein Amerikareisender dieses Gefühl gleich mehrfach. Wer etwas über die USA lernen will, wer Amerika „erspüren“ will, ist hier, in der alten Südstaaten-Metropole, am richtigen Ort. Alles ist da, die Musik, der Rhythmus des Südens, Elvis, Soul, der Delta Blues, Johnny Cash, die Geschichte der Rassentrennung, Martin Luther King Junior, Mark Twain und natürlich der Mississippi, der „Ol‘ Man River“.

Memphis liegt abseits der üblichen Touristenrouten an der West- und Ostküste. Von New York oder Washington, D.C., aus dauert der Flug zwischen zwei und drei Stunden. Und doch lohnt sich der Stopp auch für Reisende, die wenig Zeit haben.

Martin Luther King wurde vor 50 Jahren in Memphis erschossen

Bis zum amerikanischen Bürgerkrieg florierte in Memphis der Sklavenhandel. Die Stadt war eine Hochburg der Rassentrennung in den Südstaaten. Vor 50 Jahren, im Frühling 1968, flog der Bürgerrechtler Martin Luther King nach Memphis. King wollte die schwarzen Müllarbeiter der Stadt bei ihrem Kampf um gerechte Arbeitsbedingungen unterstützen. Sie bekamen an Regentagen nur für zwei Stunden Lohn und wurden dann heimgeschickt. Die weißen Arbeiter gingen ebenfalls nach Hause, erhielten das Geld aber für den ganzen Tag.

Am 4. April kam es zur Katastrophe: King, damals schon Friedensnobelpreisträger, wurde auf dem Balkon vor seinem Hotelzimmer Nummer 306 von dem Rassisten und Schwerkriminellen James Earl Ray erschossen.

Das „Lorraine Motel“, der Ort des Attentats, beherbergt heute eine der besten Ausstellungen über diese Zeit, das „National Civil Rights Museum“. Das Motel liegt am Rande des Stadtzentrums von Memphis und wurde so renoviert, dass es wieder genauso aussieht, wie zur Zeit von Kings Ermordung.

Damals war das „Lorraine“ im segregierten Süden ein Motel, in dem vornehmlich Schwarze wohnten. Berühmte Musiker stiegen hier ab, Aretha Franklin, B.B. King. Vor dem Balkon, auf dem King starb, stehen zwei alte Cadillacs aus den 1960er Jahren.

Schulkassen und ein älteres Ehepaar machen Fotos. „Ich war siebzehn, als er erschossen wurde. Es war schrecklich“, sagt Sandy White, eine Besucherin aus Illinois. Sie hat Tränen in den Augen. Ihr Mann Bruce nimmt sie tröstend in den Arm.

Kings Tod erschütterte vor 50 Jahren Amerika und löste in vielen Städten wochenlange Unruhen aus. Für viele Afroamerikaner brach mit der Ermordung des wichtigsten Vorkämpfers für ihre Rechte eine Welt zusammen. King, der Prediger, wollte mit gewaltfreiem Protest das Zusammenleben der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen verbessern. Nun war ausgerechnet er, das Idol, der Hoffnungsträger, dem Wahn eines feigen Rassisten zum Opfer gefallen.

Im „National Civil Rights Museum“ ist die Geschichte erlebbar. Besucher können Kings Hotelzimmer anschauen, in Filmen und mit vielen Ausstellungsstücken wird der Kampf der Afroamerikaner um Gleichberechtigung detailliert erklärt. Zu dem Komplex gehört inzwischen auch das Haus auf der anderen Straßenseite, aus dem heraus die tödlichen Schüsse auf King abgegeben wurden. Attentäter Ray konnte anschließend mit seinem Ford Mustang fliehen und wurde einige Wochen später auf dem Londoner Flughafen Heathrow geschnappt, als er mit falschen Papieren nach Afrika ausreisen wollte.

Fährt man vom „Lorraine Motel“ aus weiter in Richtung Innenstadt, stehen entlang der Front Street alte Lagerhäuser und Fabriken. Sie erinnern an die Zeit, als hier Güter verladen und über den Mississippi transportiert wurden.

Heute liegt der große Binnenhafen außerhalb der Stadt und in den alten Backsteingebäuden des „Art District“ sind Galerien und Restaurants untergebracht. Zum Beispiel „The Gray Canary“ (301 S. Front Street), ein Restaurant, in dem die Eigentümer Andy Ticer und Michael Hudman ihren Gästen moderne amerikanische Küche und exzellente Weine servieren.

Über kleine Seitenstraßen kann man von hier aus einen Abstecher an den Mississippi machen. Am Ufer des mächtigen Stroms liegen mehrere der alten weißen Raddampfer, die für den Süden der USA lange so typisch waren. Sie sind zum Teil immer noch in Betrieb und dienen als Hotelschiffe oder Ausflugsboote.

Mark Twain sammelte Eindrücke für seine Romane

Amerikas großer Schriftsteller Mark Twain machte um 1858 häufig in Memphis Halt. Er arbeitete in seinen Jugendjahren als Binnenschiffer auf dem Mississippi. Hier sammelte er Eindrücke für seine großen Romane rund um die Abenteuer von Huckleberry Finn und Tom Sawyer.

Nach dem „Lunch“ am Fluss folgt das Unvermeidbare – der Abstecher nach „Graceland“, dem Haus von Elvis Presley. Es ist ein Pflichttermin für Memphis-Besucher. Immer noch, auch 40 Jahre nachdem Elvis auf seinem Anwesen an den Folgen einer jahrelangen Abhängigkeit von ärztlich verschriebenen Schmerzmitteln starb. Die Opioid-Krise, die Amerika heute heimsucht, hat er schon in den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts durchlitten.

Mit dem Mietwagen geht es weiter in den Süden von Memphis. Die Stadt hat 650.000 Einwohner, hier erlebt der Besucher die andere Seite der Metropole, ja, die andere Seite Amerikas. Es geht durch Stadtviertel, die praktisch nur noch aus heruntergekommenen Industriegebieten und verwahrlosten Häusern bestehen. Die Bevölkerung ist überwiegend arm – und schwarz.

Auch „Graceland“ liegt nicht gerade in einer vornehmen Gegend. Als Elvis Presley das alte Farmhaus kaufte, waren rundherum nur Felder. Heute sind etliche Gebäude in der Umgebung stumme Zeugen einer kurzen goldenen Epoche in den Sechziger- und Siebzigerjahren, die lange vergangen ist. Einstmals moderne Motels und nagelneue Tankstellen sehen verfallen aus. Die Straßen haben tiefe Löcher, es riecht nach Müll. Nur ein Hotel ist einladend: „The Guest House at Graceland“ (3600 Elvis Presley Boulevard).

Geburtsstätte des Rock’n’Roll

Elvis ging in Memphis zur Highschool, er war ein mittelmäßiger Schüler, arbeitete zunächst als Lastwagenfahrer. Aber er war auf seine Weise ein Revolutionär, weil er die Gospelmusik und den Blues der schwarzen Musiker der Stadt für ein überwiegend weißes Publikum aufbereitete. In einer Zeit, in der Martin Luther King für die Rechte der Schwarzen kämpfte, ließ sich Elvis von ihrer Musik inspirieren, er vermischte sie mit der Countrymusik der Weißen zu einem neuen Stil, dem „Rockabilly, später dann „Rock’n’Roll“, er überwand Rassengrenzen. Und wurde so zum Weltstar.

„Graceland“, sein Haus, war nach damaligen Verhältnissen ein Palast, heute wirkt es im Vergleich zum Protz und Prunk der Monster-Villen in den Vororten von Los Angeles oder New York geradezu bescheiden. Ein Besuch lohnt sich natürlich trotzdem, auch wenn man sich selbst mit Mitte vierzig zwischen den vielen alten Elvis-Fans doch ziemlich jung vorkommt.

Immerhin lernt man, dass Elvis in Graceland begraben liegt, mit Sondergenehmigung auf dem eigenen Grundstück, direkt neben seinem Swimmingpool. Und auch die Anekdote aus dem wunderbaren Film „Nixon und Elvis“ stimmt: Presley hatte tatsächlich ein Faible für die Polizei. Er sammelte Dienstmarken aus dem ganzen Land und war offiziell „Deputy“ des Sheriffs von Memphis. Mehrfach soll er in der Gegend mit seinem pinken Cadillac sogar Raser angehalten und belehrt haben.

Am Abend geht es zurück in die Stadt, vorbei am „Lorraine Motel“ zur Beale Street. Die alte Straße im Herzen von Memphis ist ein wenig eine Touristenfalle, so wie die Bourbon Street in New Orleans, aber genauso faszinierend. In den vielen Klubs und Kneipen werden jeden Abend Delta Blues, Jazz, R&B und Rock’n’Roll auf höchstem Niveau geboten. Bands aus der Stadt, aber auch von außerhalb, lassen hier die Zeit aufleben, in der Elvis, Muddy Waters, Al Green oder B.B. King Memphis zur Musikmetropole des Südens machten. Jedes Jahr im Mai treten hier Weltstars wie Ed Sheeran oder Neil Young beim Beale Street Music Festival auf.

Gleich um die Ecke befindet sich die „Gibson Factory“, in der seit Jahrzehnten die berühmten Gitarren in Handarbeit entstehen. Es gibt den Schneider „Lansky“, der für Elvis die Kostüme nähte, und ein paar Blocks weiter kann man das „Sun Records Studio“ besichtigen, in dem Elvis, Johnny Cash und Roy Orbison einst ihre Schallplatten aufnahmen.

Wer dann immer noch nicht genug hat, kann im legendären Hotel „The Peabody“ entspannen (149 Union Avenue). Oder man geht noch einmal an den Mississippi. Geschichte vergeht, Helden sterben, so wie Martin Luther King. Aber der „Ol‘ Man River“ bleibt. Und so geht dem Memphis-Besucher die Textzeile des Lieds über die Leiden der Sklaven nicht mehr aus dem Kopf:

„Ol‘ man river. He mus‘ know sumpin‘. But don’t say nuthin‘. He jes‘ keeps rollin‘. He keeps on rollin‘ along.“