Kaukasus: Alles begann mit einer Orgie

Nahezu alles in Georgien lässt sich auf Essen und Trinken zurückführen. Dort gelangt man an die Wiege von Wein, Gold und Gesang – und vielleicht sogar an die des Europäers.

Drei Heiligtümer, sagt der Georgier, kann ihm keiner nehmen: den Glauben, die Sprache, die Heimat. Wie mächtig der Glaube nach eher gottfernen Sowjetzeiten wieder geworden ist, zeigt sich bereits am Kranz der teils goldüberkuppelten Kirchen beim Anflug auf Tbilissi (und diese Schreib- und Sprechweise sollte man Georgiern gegenüber dem verhassten russischen „Tiflis“ unbedingt vorziehen). Die orthodoxe Kirche durchdringt von neuem alle Bereiche der georgischen Gesellschaft, die Kathedrale Tsminda-Sameba des Patriarchen staffelt sich mit ihren Seitenschiffen und Türmen grotesk hoch über der Stadt auf.

Ihre Sprache kann den Georgiern tatsächlich niemand nehmen, denn es kann sie schlicht keiner erlernen. Das georgische Alphabet, damit es schön schwer bleibt, besitzt gleich dreiunddreißig Buchstaben und ähnelt einem zweckfreien Ornament, als hätte ein Kleinkind beim Essen wild seine Nudeln im Raum verteilt. Tatsächlich ist das freie Spiel mit Nudeln die offizielle Entstehungslegende dieser Lettern, und manche Georgier selbst nennen sie liebevoll „Spaghettischrift“. In letzter Konsequenz lässt sich nahezu alles in Georgien auf Essen und Trinken zurückführen. Und damit ist man beim dritten Heiligtum Georgiens, der Heimat, die abermals viel mit Speisen und Trinken zu tun hat. Denn auch diejenigen, die aus politischen und wirtschaftlichen Gründen ins Exil gingen, nahmen ihren Wein und ihre unverwechselbaren, mit Käse überbackenen Chatschapuri-Brote wie auch die gaumenkitzelnden Walnusspasten und Desserts mit kandierten Maronen und weißen Kirschen überallhin mit.

Große Küche, kleine Preise

Weit mehr, als Georgier im Inland leben, sind bekanntlich über alle Welt verstreut, wohin immer aber sie migriert sind, bietet ihnen die georgische Küche ein Stück Heimat. Georgien hält zweifelsohne eine der besten Küchen weltweit bei gleichzeitig äußerster Schonung des Geldbeutels vor, mit Bestandteilen der Gerichte wie seltenen Gewürzen und Gewächsen, die nicht nur in anderen Ländern überhaupt nicht verwendet werden, sondern mit pflanzlichen Zutaten, die andernorts längst ausgestorben sind. Der Kitzel zum Beispiel, bestimmte seltene Sumpfknollen zu verspeisen, entspricht wohl in etwa dem, Mammutsteak zu kosten. Gesund muss das Essen obendrein sein, sonst läge das Land nicht auf der Liste der meisten Hundertjährigen seit Jahrzehnten weit vorne. Den ältesten nachweisbaren Weinbau weltweit hat Georgien ohnehin. Es ist also auch auf kulinarischem Gebiet eine Rudimentregion, eine, die durch ihre Randlage Besonderheiten erhalten hat, die es nirgends anders gibt. Wobei Randlage aus historischer Sicht nicht richtig ist: Nach großen Anfängen in Spätantike und frühem Mittelalter – immerhin ist Georgien nach Armenien die zweitälteste christliche Nation – wurde es über Jahrhunderte tributpflichtiges Durchmarschland und Spielball von Persern, Mongolen oder Osmanen, den fremden Nachbarn der mehr oder weniger frommen Kaukasier.

Wie oft sich die Georgier und ihre Könige vor den Feinden in schwer zugänglichen Bergfestungen und Höhlensystemen verschanzt haben, hat keiner gezählt, hinterlassen haben sie dabei allerdings die neben dem türkischen Kappadokien wohl erstaunlichsten Höhlenausmalungen und Innenarchitekturen, die man sich vorstellen kann: In der hektargroßen Bergstadt von Uplisziche westlich der Hauptstadt Tbilissi sind aus spätantiker Zeit vollständige Kassettendecken mit Farbresten erhalten, wie es sie sonst nur noch in Pompeji gibt, aber dort eben nicht aus dem rohen Fels gehauen. Die Dutzenden von Höhlen, die sich den Hang hochziehen, werden malerisch von einer byzantinisch-georgischen Kirche gekrönt, die nicht nur ein gefragter Ort zum Heiraten ist, sondern in der auch spezielle Salz- und Würzmischungen für ein traditionelles Hochzeitseintopfgericht feilgeboten werden. Fast überflüssig zu erwähnen, dass zu den archäologisch aufregendsten Funden dieser Bergstadt mit zeitweise Tausenden von Einwohnern auch zoroastrische Ofen- und Herdanlagen für die kulinarische Zubereitung von Opfergaben zählen.

Enthauptung und Hauptgang

Ein Gelage immerhin verschaffte den Georgiern für längere Zeit Ruhe vor den feindlichen Reiternomaden: König Giorgi IV. „der Glänzende“ ließ bei einem Festmahl alle georgischen Adligen, die zu eng mit den mongolischen Herrschern angebandelt hatten, enthaupten. Die Übrigen feierten, so die Überlieferung, unverdrossen weiter.

Dennoch sollte der alte Warnspruch „Keine Orgien in Georgien“, der unbefolgt einer jungen Physikerin aus Templin mit nachmalig großer deutscher Karriere eine Nacht verordneter Ausnüchterung in Tbilissi einbrachte, niemanden von einer solchen abhalten. Denn auf diesen sogenannten Supras lernt man mit originalem Gesang und Rezitaten zwischen den Gängen Georgien vielleicht am ehrlichsten kennen. Nicht zufällig beginnt schon die gesamte Geschichte des Landes mit einer Orgie. Der – außerbiblischen – Legende zufolge kamen die von einem vorausgegangenen Gelage noch schwer verkaterten Urgeorgier bei der Verteilung der Erde durch Gott zu spät: Alles bereits vergeben, Gottvater bleibt unerbittlich. Erst als die Georgier vorbringen, dass sie doch das Symposion-Gelage zu seinen Ehren abgehalten hätten, lässt Gott sich erweichen und schenkt ihnen das schönste von ihm geschaffene Fleckchen Erde, das er ursprünglich als Altersruhesitz für sich zurückgehalten hatte. Diese wenig übertriebene naturräumliche Bevorzugung gepaart mit steinalter Geschichte macht fraglos einen Großteil des Reizes von Georgien aus.

Der Duft der warmen Quellen

Selbst die Hauptstadt Tbilissi bedeutet übersetzt nichts anderes als „Warme Quellen“, und diesen unbestreitbaren, wenn auch leicht schweflig riechenden Standortvorteil sollte der Besucher nutzen. Welche Kapitale der Welt besitzt schon inmitten der Altstadt einen derart pittoresken Karl-May-Canyon, der nach mehreren malerischen Windungen in einen Wasserfall mündet? Ebenso liegt in dieser surrealen Stadt gleich neben den orientalisch-usbekisch anmutenden Badehäusern mit ihren Thermalquellen die zentrale Konzert- und Ausstellungshalle in Gestalt eines silbrig glänzenden und auf dem Boden liegenden Horns – eines der ältesten Musikinstrumente der Menschheit, aber eben in Form hypermoderner Architektur. Wer sucht, der findet viele weitere Symbole einer Welt zwischen Gestern und Morgen.

Auch beim Herausfahren aus der Hauptstadt sieht man schon nach wenigen Kilometern Erntearbeiter mit alten Pflügen und Pferdefuhrwerken und fühlt sich wie in einer Zeitmaschine. Diese altertümliche Landwirtschaft kann bei einem Blick auf zwei Zahlen nicht überraschen: Vierzig Prozent der Bevölkerung Georgiens arbeiten in der Agrarwirtschaft, die aber aufgrund ihrer geringen Maschinisierung nur zehn Prozent zum Bruttosozialprodukt des Landes beiträgt. Georgien ist zwar nach dem heiligen Drachentöter Georg benannt, der aber im Griechischen nichts anderes als „Bauer“ bedeutet. Eine lange Traditionskette, wie schon bei der himmlischen Landzuteilung.

Gold und Gier

Fährt man weiter in den Süden des Landes, kommt der Reisende eng an der Grenze zu Aserbaidschan an Sakdrissi, dem ältesten Goldbergwerk der Welt vorbei, in dem archäologisch nachgewiesen durch die Bergbauspezialisten der Universität Bochum bereits vor 6000 Jahren Gold abgebaut wurde. Genauer gesagt fährt man an den traurigen Resten dieser archäologischen Sensation vorüber, denn seit der Sprengung des Goldbergs durch ein russisches Unternehmen klafft nur noch ein riesiger Krater an dieser Stelle. Nicht nur in der Antike, als Georgien Kolchis hieß, als real existierendes Goldland einen sagenhaften Ruf genoss und unter anderem griechische Abenteurer wie Jason und die Argonauten anzog, wurden hier unfassbar feine Schmuckstücke mit Tausenden von Goldfiligranperlen darauf hergestellt. Das Nationalmuseum der Hauptstadt wie auch ein neueröffnetes Regionalmuseum in Südossetien beherbergen diese Schätze.

Für die nicht mehr vorhandene Großmutter aller Goldbergwerke wird man einige Kilometer weiter in Dmanissi mit anderen Superlativen des Altertums entschädigt. Denn zwischen zwei Flussarmen liegt wie eine Insel ein steil ansteigendes Plateau mit üppigster Vegetation. Schon die den Berghang scheinbar hinaufkriechende Burg von Dmanissi ist mit ihrer Aussicht etwas Besonderes, und auch die dortige Kirche aus dem elften Jahrhundert mit ihren wie textiles Gespinst aus hauchfeiner Spitze über die Steine gelegten Ornamenten ist bilderbuchverdächtig. Links des Kirchenportals findet sich eine der ausführlichsten georgischen Inschriften: Wiederum feinster Spaghetti-Dekor, der als Phantasieschrift auch ein klingonisches Raumschiff zieren könnte. Hinter der Kirche aber, im hohem Gras, mit Wolken bei uns längst ausgestorbener Schmetterlinge, finden sich mehrere archäologische Grabungsschächte. Der tiefste davon schneidet rasiermesserscharf sechs Meter in den dunklen Boden, bis zu einer Schicht erkalteter Lava, in die Knochenreste von Urmenschen luftdicht eingebacken und dadurch ungewöhnlich gut konserviert waren. Dort stießen die Ausgräber auf Schädelfragmente, die sich bald als zweitälteste Hominidenfragmente nach der afrikanischen Lucy erwiesen, in jedem Fall aber das älteste Europäerpaar sind: 1,77 Millionen Jahre, mit naturwissenschaftlichen Methoden nachgewiesen. Als die Funde an die Weltöffentlichkeit gelangten, wollte dem georgischen Ausgräber Dawit Lortkipanidse zunächst niemand glauben, können die deutlich größeren Funde an Menschenknochen in Lucys Alter doch zweierlei bedeuten: Entweder sind die Urmenschen von Ostafrika bis dorthin gewandert. Oder sie sind an mehreren Stellen gleichzeitig entstanden, wobei sich die ersten Menschen mit dem geradezu unverschämt fruchtbaren Hochplateau von Dmanissi in Georgien den denkbar schönsten Ort ausgesucht hätten. Der Mythos der glücklichen Landverteilung hätte dann einen uralten, wahren Kern.

Der Weg nach Georgien

Anreise Lufthansa fliegt sonntags und donnerstags direkt ab München nach Tbilissi (freitags zurück, ab ca. 300 Euro). Alternativ fliegen verschiedene andere Fluglinien mit einem Zwischenstopp in die georgische Hauptstadt.

Veranstalter Die vom Studienkreis für Tourismus und Entwicklung e.V. initiierte und in Kooperation mit dem Veranstalter Biblische Reisen in Stuttgart durchgeführte Georgien-Reise wird kommendes Jahr mit ähnlichen Themen unter dem Titel „Georgien – Auf den Spuren der Argonauten“ vom 12. bis 21. September durchgeführt (10-tägige Rundreise ab München, ab 1620 Euro). Weitere Informationen bei Biblische Reisen, Tel. 07 11/61 92 50, biblische-reisen.de

Ausstellungen Wer sich einstimmen mag auf die sagenhaften Schmuckstücke aus den Gräberfeldern von Vani im Eldorado Kolchis, kann dies im Frankfurter Liebieghaus in der Ausstellung „Medeas Liebe und die Jagd nach dem Goldenen Vlies“. Das Senckenbergmuseum in derselben Stadt zeigt in der Ausstellung „Homo georgicus – Der Schädel aus dem Ursprungsland der ersten Europäer“ und das Archäologische Museum Frankfurt in „Gold und Wein – Georgiens älteste Schätze“ die Anfänge der Landwirtschaft. Alle drei Ausstellungen sind noch bis Januar zu sehen.