Naturparadies Ecuador – Reise zum Mittelpunkt der Welt

Historische Kolonialstädte, eine urzeitliche Tierwelt und feuerspeiende Gipfel entlang der Allee der Vulkane – auf den Spuren von Alexander Humboldt und Charles Darwin lässt sich Ecuador ganz bequem entdecken.

Sein Schuhwerk war nicht wirklich das beste und das Eis unter den Füßen ließ ihn immer wieder abrutschen. Mit seinen ecuadorianischen Begleitern hatte Alexander von Humboldt die vergletscherte Flanke des Vulkans Cotopaxi schon bis auf 4.500 Meter über dem Meer erklommen. Nur noch wenige hundert Höhenmeter fehlten bis zu Krater und Gipfel, doch dann versperrte ihm eine unüberwindbare Eiswand endgültig den Weg. Der Naturforscher gab auf.

Heute – mehr als 200 Jahre später – ist die Humboldthöhe für Reisende keine Herausforderung mehr. Mit dem Jeep geht es mehr oder weniger bequem über Schotterpisten zu einem kleinen Parkplatz auf 4.500 Meter hinauf. „Ausgangspunkt für die fast täglichen Besteigungen des Cotopaxi ist die Schutzhütte José Rivas auf 4.800 Metern“, weiß Andreas M. Gross von der Arbeitsgemeinschaft Lateinamerika e.V. Doch die Mühen des Aufstiegs lohnen sich. „Es ist wirklich ein absolut beeindruckendes Erlebnis, zum Sonnenaufgang am Kraterrand des Cotopaxi zu stehen.“

Der Name des Vulkans erschließt sich jedoch erst am Abend. „Die Indianer nennen ihn ‚Hals des Mondes’“, erklärt Andreas M. Gross. Denn aus einer bestimmten Perspektive gesehen geht der Erdtrabant direkt hinter dem Cotopaxi auf und steht dann für kurze Zeit als „Kopf“ direkt über dem Gipfel des zweithöchsten Bergs von Ecuador.

Hohes Land am Äquator

Ecuador ist ein Küstenstaat im Nordwesten Südamerikas und grenzt an Peru und Kolumbien. Der Name leitet sich vom Äquator ab, der das Land etwa 20 Kilometer nördlich der Hauptstadt Quito durchquert. Hier kennzeichnet das bei Reisenden beliebte Denkmal „Mitad del Mundo“ den ursprünglich von Franzosen ermittelten Mittelpunkt der Welt. Neusten GPS-Messungen zufolge befindet sich dieser jedoch etwa 250 Meter weiter nördlich, hier informiert ein Schild über die echte Position.

Rund 16,8 Millionen Menschen leben in Ecuador, die größte Stadt mit 2,5 Millionen Einwohnern ist Guayaquil in der Pazifikküsten-Ebene. Die Küstenmetropole beheimatet Ecuadors größten Hafen, hier im Tiefland liegen die ausgedehnten Bananenplantagen, die Ecuador zum großen Exporteur der gelben Frucht machen. Als Drehscheibe für alle Reisenden fungiert jedoch die Hauptstadt Quito. In der Metropole leben etwa 2,2 Millionen Menschen, hier spiegelt sich auch die ethnische Vielfalt des Landes wider. Rund 65 Prozent der Bevölkerung Ecuadors sind Mestizen, also Nachfahren von Europäern, und der indigenen Bevölkerung in Lateinamerika. Die indigene Bevölkerung hat einen Anteil von 25 Prozent.

Das kleine Land am Äquator besticht mit spektakulären Naturerlebnissen. „In Ecuador gibt es das Schwemmland an der Tropenküste im Westen, hohe Berge im zentralen Anden-Hochland und Regenwälder im östlichen Amazonas-Tiefland“, zeigt Andreas M. Gross die Vielfalt auf. Und all das finden Reisende auf kleinstem Raum. „Dazu hat Ecuador den Super-Bonus mit dem ‚Planet Galápagos‘, das ist eine ganz eigene Welt im Pazifik.“ Die Inseln liegen rund 900 Kilometer vor der Küste, ihre urzeitlichen tierischen Bewohner wie Meerechsen, Landleguane und Riesenschildkröten begeisterten bereits den Forscher Charles Darwin.

Besondere geologische Gegebenheiten und Meeresströmungen sorgen dafür, dass Ecuador zu den artenreichsten Ländern der Erde gehört. Auch das vielfältige Klima lässt unzählige Lebensräume für Flora und Fauna entstehen – von den Tropen im Küstengebiet und im östlichen Tiefland hin zum gemäßigten Klima im Andenhochland.

Die Allee der Vulkane

Ecuador ist bekannt für seine große Anzahl an aktiven und erloschenen Vulkanen, denn die Anden sind als Teil des Pazifischen Feuerrings eine Region mit besonders hoher seismischer Aktivität. Schon Alexander von Humboldt war auf seiner Expeditionsreise im Jahre 1802 fasziniert von den schneebedeckten Gipfeln, ebenso wie Lateinamerika-Experte Andreas M. Gross. „Der Cotopaxi ist nicht nur einer der höchsten Vulkane der Welt“, betont er. „Gemeinsam mit dem höchsten Berg Ecuadors, dem Chimborazo, krönt er auch die von Humboldt so getaufte Allee der Vulkane.“ Und die ist noch heute eines der Highlights jeder Ecuador-Reise.

Während Humboldt zu Fuß und mit Maultieren auf der Straße der Vulkane unterwegs war, folgen Urlauber heute von Quito aus dem Panamericana-Highway durch die Vulkanlandschaft und genießen bei klarer Sicht einmalige Ausblicke. Die meisten von ihnen besteigen den Cotopaxi, den mit 5.897 Metern höchsten aktiven Vulkan der Erde. Aufgrund der dünnen Luft wandern viele jedoch nur zu José-Ribas-Schutzhütte, die immerhin auf 4.800 Metern Höhe liegt. Bei gutem Wetter eröffnet sich bereits von hier aus ein einmaliger Blick auf den Gipfel.

Eine Besonderheit weist der inaktive Vulkan Chimborazo auf. Mit 6.267 Metern ist sein Gipfel der vom Erdmittelpunkt am weitesten entfernte Punkt der Erdoberfläche. Wie beim Cotopaxi war es Alexander von Humboldt, der den ersten richtigen Besteigungsversuch unternahm. Er erreichte eine für damalige Verhältnisse beeindruckende Höhe von rund 5.600 Metern.
Schätze längst vergangener Zeiten

Neben den beeindruckenden Naturschönheiten wartet Ecuador auch mit kulturellen Höhepunkten auf. Vor der Kolonialisierung gab es eine Vielzahl indigener Kulturen, gegen Ende des 15. Jahrhunderts eroberten dann die Inka das Land. „Sie kamen allerdings erst in einer der letzten Expansionsphasen in die Region und wurden bereits kurze Zeit später von den Spaniern unterworfen“, weiß Andreas M. Gross. „Daher zeugen heute nur die Ruinen von Ingapirca von der Zeit der Inka.“

Die Kolonialisierung hinterließ größere Spuren. Besonders sehenswert ist der historische Stadtkern von Quito, der seit 1978 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Neben zahlreichen Kirchen und Klöstern erinnern auch Regierungsgebäude im Kolonialstil an vergangene Jahre. Einen Abstecher lohnen der Plaza de la Independéncia mit Präsidentenpalast und Kathedrale sowie die Jesuitenkirche La Compañía de Jesús mit ihrer Barockfassade aus Vulkanstein.

Im Süden des Landes beeindruckt die hübsche Altstadt von Cuenca mit ihrer kolonialen Architektur. Sie trägt den Status „UNESCO-Weltkulturerbe“ und ist auch die Heimat der Panama-Hüte. Die berühmten Kopfbedeckungen wurden erstmals in Cuenca gefertigt, ein Hutmuseum informiert über die traditionelle Fertigung.

Einmalige Erlebnisse in Ecuador

Ob Kanufahrt durch das Amazonasgebiet oder Rafting in den Hochanden – Ecuador lässt sich auf vielfältige Art erleben. Als Abenteuerhochburg des Landes gilt Baños am Fuße des rauchenden Vulkans Tungurahua. Hier können sich Reisende im Canyoning, Canopy, Zip-Lining oder Bridge Swinging versuchen.

Deutlich entspannter, aber nicht weniger aufregend, ist die legendäre Zugfahrt durch die ecuadorianischen Anden zur Nariz del Diablo. Die Teufelsnase ist ein markanter Felsvorsprung über der Schlucht des Rio Chanchán und die Route von Alausi nach Sibambe gilt als eine der schönsten Zugstrecken der Welt. Um den großen Höhenunterschied zu überwinden, verläuft die Strecke in einem abenteuerlichen Zickzackkurs ins Tal. Die Gleise liegen teilweise parallel übereinander und der Lokführer muss in den Spitzkehren viel Fingerspitzengefühl beweisen. Die Bahnstrecke wurde um 1900 erbaut und galt damals als Meisterwerk der Ingenieurskunst. Seit der vollständigen Erneuerung fahren exklusive Züge in mehreren Tagen von Quito an die Küste, eine touristische Fahrt zur Teufelsnase ist als bequemer Tagesausflug in teils historischen Zügen möglich.

Ecuador lockt mit einer Vielfalt an Erlebnissen, die sich aufgrund der überschaubaren Landesgröße gut zu einer Reise kombinieren lassen. „In nur zwei Wochen kann man das Land ohne Abstecher zu den Galapágos-Inseln vollständig erkunden und erhält einen guten Eindruck von der enormen Vielfalt“, rät Lateinamerika-Experte Andreas M. Gross. „Die einmalige Visitenkarte des Landes sind jedoch die feuerspeienden Kegel der Allee der Vulkane.“ Denn was vor 200 Jahren schon Alexander von Humboldt faszinierte, zieht noch heute jeden Urlauber in den Bann.