Östergötland: Familienurlaub im Pippi-Langstrumpf-Land

Familienurlaub in Schweden im Land von Pippi Langstrump: Rote Holzhäuser, schwedische Gelassenheit und ganz viel Natur – ein Klischee wird auf wunderbare Weise Wirklichkeit.

Kapitän Olaf hat die Ruhe weg, sein verschmitztes Grinsen modelliert einen Fältchenkranz um stahlblaue Augen. Die MS Kung Sverker – so benannt nach Sverker I., einst König über Östergötland und später Schweden – pflügt durch den Göta-Kanal, treibt Schaumkrönchen vor sich her wie ein Schäfer seine Schafe. Doch nicht er, Olaf Svensson, sondern ein Zwölfjähriger steuert den alten Schweden, und der Kapitän, Herr über Schiff und gut 75 Passagiere, sitzt mit verschränkten Armen im Führerstand, lächelt in seine Kapitänsuniform hinein, gerade so, als wäre es völlig normal, dass Kinder alles dürfen.

So auch neugierige Touristenfragen stellen: „Hattest du jemals eine Panne oder einen Unfall? Oder ging schon mal ein Mann über Bord?“ – „Nein, noch nie.“ – „Was war das Schwierigste, mit dem du je an Bord zu kämpfen hattest?“ Eine Millisekunde Nachdenkpause, dann: „Nichts ist schwierig.“ – „Echt?“ – Kapitän Olaf nickt lachend und tatsächlich scheinen die Östergötländer die Gelassenheit von klein auf mit der Blaubeersuppe aufgelöffelt zu haben. Nicht zuletzt deshalb ist der rund 200 Kilometer südwestlich von Stockholm gelegene Landstrich ein prima Urlaubsterrain für unsere Familienreisegruppe.

Doch der Bau des blauen Bandes, auf dem sich die MS Kung Sverker ihren Wasserweg bahnt, war alles andere als einfach: Insgesamt 58 000 Soldaten buddelten 22 Jahre lang zwölf Stunden pro Tag. Die Arbeiterarmee schuftete mit blechbeschlagenen Holzspaten, und da in der kalten Jahreszeit nicht nur Flüsse, sondern auch schon mal Finger erstarrten, betrug die Branntweinration der Arbeiter 14 Flaschen pro Woche – manche behaupten, der Kanal sei auf Schnaps gebaut. Als er als eines der größten schwedischen Bauwerke 1832 fertig wurde, war sein Planer, Baltzar von Platen, schon tot.

Etwa 190 Kilometer zieht sich der Göta-Kanal seither durch die Landschaft. Wurden im 19. Jahrhundert noch Waren transportiert, schippern nun Touristen und Ausflügler von Sjörtorp am See Vänern bis nach Mem an der Ostsee. Kapitän Olaf steuert nun wieder eigenhändig auf die Schleuse von Borenshul zu, die steilste Schleusentreppe auf unserer Strecke. Zentimeterarbeit ist angesagt und mit Augenmaß manövriert der 60-Jährige das Schiff in die erste von fünf Schleusenkammern, eine knifflige Sache. Berüchtigt ist der Göta-Kanal für diese „Scheidungsschleusen“, denn nicht selten liefern sich Pärchen dabei bootstechnische, deftige Diskussionen. Bei uns läuft alles glatt, das Tor schließt sich, Wasser strömt aus allen Rohren und lässt den König ein Schaukeltänzchen vollführen, hinauf zur nächsten Ebene.

Nach der letzten Stufe übernimmt das nächste Kind das Steuer und die Kung Sverker gleitet durch schönstes Bullerbü-Klischee: Am tiefblauen, fast blankgeputzten Himmel ziehen Schäfchenwolken, spiegeln sich im olivgrünen Kanalwasser. Hinter glattrasierten Rasen steht ein rotes Holzhaus neben dem anderen, spielende Kinder winken, Käpt’n Olaf hupt seinem Onkel zu, der im Garten mit der ganzen Sippe grillt. Ein Campingplatz zieht vorbei, noch mehr rote Bilderbuchhäuschen, die allesamt aussehen, als würden gleich Lasse, Bosse und Nisse aus der Tür treten. Dann wieder vom Wind verwuschelte Baumalleen, soweit das Auge reicht. Wanderer und Radfahrer grüßen und selbst die Brücken zollen dem alten Schwedenkönig ihre Ehrerbietung und klappen ihre Hälften wie zum Salut hoch. Viel zu schnell ist die gemächliche Fahrt zu Ende, in Motola gehen wir von Bord. Danke, Käpt’n Olaf – tschüss, alter König.

Noch mehr Schwedenidylle gibt’s im Freilichtmuseum Gamla Linköping zu sehen. Im historischen Viertel mitten in der modernen, 150 000 Einwohner zählenden Stadt Linköping ist die Zeit um 100 Jahre zurückgedreht. Die alten Holzhäuser sind im Original erhalten, und wie in einer Kleinstadt um 1900 finden sich Café, Apotheke, Post, Schule und Polizeiwache. In Krämerläden verkauft historisch gekleidetes Personal Waren von anno dazumal, und man kann Handwerkern bei der Arbeit in ihren Werkstätten zuschauen. Auch in Gärten und Häuser darf jeder hinein. Guide Maren (in Schweden wird geduzt) erzählt, dass rund 50 Leute dauerhaft im Freilichtmuseum wohnen, in bester Stadtlage, zu normalen Preisen.

Maren schließt das Schulhaus auf und wir treten in eine ländliche Lebenswelt ein, alles andere als putzig und süß. Es riecht nach altem Holz und staubiger Vergangenheit, einer, in der es ziemlich streng zuging, wie unsere beiden Zwölf- und 13-Jährigen lernen: Es gab Schläge und ein um den Hals gehängtes Holzschild verriet am Ende der Woche, ob ein Kind god – gut, lat – faul oder oren – unrein gewesen war, also schmutzig zur Schule kam. Geschrieben wurde auf Schiefertafeln, mit echten Hasenpfoten als Radierer. Nicht nur alte Klassenzimmer sind originalgetreu eingerichtet, auch Vitrinen zeigen Lehrmaterial von einst: „Iiiih, was ist denn das?“, der Sohn deutet auf einen Schaukasten. „Eine Schrumpfleber“, erklärt Maren und erzählt, dass Anfang des 20. Jahrhunderts der Alkoholismus ein Problem war, die Lehrer ihren Schülern zur Abschreckung diese Modelle zeigten. Heutzutage trinken die Schweden dank strenger Regulierung, die viele selbst für nötig halten, mit acht Litern Reinalkohol pro Person und Jahr deutlich weniger als der europäische Durchschnitt – zum Vergleich: Wir Deutschen bringen es auf elf Liter.

Doch die Zeit um 1900 hat auch schöne Traditionen hervorgebracht, darunter eine, die wohl der Schlüssel für die schwedische Gelassenheit ist und nur vier Buchstaben lang: Fika. Jeder tut es, auf der Arbeit und in der Freizeit, mindestens zweimal am Tag. Das Wort einfach nur banal mit Kaffeepause übersetzen zu wollen, wäre zu kurz gegriffen, erfahren wir. Bereits um 1850 versorgten großzügige Dienstherren Wäscherinnen und Erntehelfer mit Kaffee und Kuchen. Längst hat sich die Fika – eine Silbendrehung von Kaffi, einer alten Bezeichnung für Kaffee – privat und in allen Betrieben durchgesetzt. Dafür werden die arbeitsrechtlich verordneten Fünf-Minuten-Pausen zur Fika zusammengespart, bei der alle, vom Azubi bis zum Chef, ihr Werkzeug oder den Stift fallen lassen und gemeinsam Kaffee trinken. Obligatorisch dazu sind Kanelbullar, Zimtschnecken, wie Karin sie auftischt. Für einen Blick in ihre Holzofenbackstube fahren wir von Linköping etwa 20 Kilometer über die Östergötlander Ebene, einem ländlichen Flickenteppich aus einzelnen schwedenroten Höfen mit ausgedehnten Äckern und Weiden, auf denen Pferde und Kühe grasen wie in einem Wirklichkeit gewordenen Klischee.

Eine Duftwolke aus Frischgebackenem und Zimt trägt uns vom Eingang direkt in die offene Backstube, wo schon die Backutensilien für unsere Pizzagruppe bereitstehen. Denn seit Karin ihren Job als Forensikerin an den Nagel hängte, sich statt mit DNA lieber mit Sauerteig beschäftigte und den alten Hof zur Backstube samt Café umgebaut hat, gibt sie Backkurse. Unter ihrer Anleitung schwingen unsere Jungs das Nudelholz, belegen das Ganze. Dann wandert das in den Holzofen, was als „beste Familienpizza ever“, so die Jungbäcker, wieder herauskommt. Danach gibt’s natürlich Zimtschnecken und Kaffee. Anders als in den schwedischen Pettersson-und-Findus-Büchern, in denen selbst der Kater Kaffee schlürft, bekommen Kinder lieber Softdrinks oder Eis in allen Variationen, so dass auch unsere Sprösslinge bald genauso Fika-verliebt sind wie wir Kaffeemütter.

Selbst ausprobieren ist auch am nächsten Tag angesagt, der uns in die südschwedischen Alpen führt, wie Einheimische ihren Omberg ironisch-liebevoll nennen. Ganze 263 Meter ist der kleine Tafelberg hoch, auf dem vor allem Orchideen und Rieseneichen als bewahrenswert gelten. Dort im Ökopark treffen wir Linda, die uns eine Lektion im Überlebenstraining und schwedischen Jedermannsrecht erteilt. Nach einer herzlichen Begrüßung folgen wir ihr in dichten, urigen Wald – die Jungs schon alleine deshalb, weil sie von Lindas Ausrüstung mit großem Rucksack und Messer am Gurt schwer beeindruckt sind. „Man darf hier alles nutzen, zelten, Beeren pflücken, Pilze und Holz sammeln“, erklärt sie. Aber das „Allemansrätt“ beinhalte auch, nichts zurückzulassen oder zu zerstören. Wie das funktioniert, erklärt Linda während ihrer Touren. Praktisch: Für noch mehr Naturerlebnis könnte man bei ihr sogar Rucksäcke mit allem buchen, was man für einen Tagesausflug samt Kochen oder für Übernachtungen im Freien inklusive Zelt braucht. So viel Zeit haben wir nicht, eine kurze Stippvisite muss reichen.

Schmale Pfade führen durch einen Märchenwald, vorbei an riesigen Fichten, Buchen und Eichen. Dann wieder gibt der Waldpelz Lichtinseln frei, auf denen mit Moos überzogene Steine und Grashügel aus dem Boden wachsen. Oder sind das die Haartollen von Trollen? Egal. Denn all das ist perfektes Weitspringgelände für Fast-Teenager. Linda stellt ihren Rucksack ab, prall voll mit Outdoor-Utensilien, handverlesen aus jahrelanger Erfahrung. Reich an Wissen setzt sie an zu erklären…doch wir sind abgelenkt. Welch ein Ausblick: Wir stehen am Rande des Waldes, der sich mit einem dramatischen Hang hinunter zum See Vättern stürzt. Er ist Schwedens zweitgrößter See und sieht so riesig aus, als sei er Meer. Der Wind jagt Böen durch den Wald, rüttelt an Bäumen und Kiefern. Das macht es nicht besser. Schließlich sollen wir ein Feuer entfachen per Feuerstahl! Eine Kunst für sich, noch schwieriger im regennassen Wald. Wir mühen uns ab, wieder und wieder. Zwar funzelt irgendwann ein Minifeuer, doch wir haben kapiert: Die Natur hat ihre Tücken. Wie gut, dass es am Ende der Tour wieder Kaffi gibt.

Die kalten Hände umklammern die heiße Tasse, was haben wir nicht alles erlebt! Die Göta-Kanal-Fahrt, unseren Nostalgietrip, das Wildnisabenteuer und den Ausflug in die schwedische Genusswelt. Doch die Jungs sind noch immer nicht satt: „Was machen wir als nächstes?“. Mal gucken. Vielleicht schnuppern wir Stadtluft in Norrköping. Dort gibt es das Visualization Center C, das mit riesigem 3-D-Dom-Kino, interaktiver Ausstellung und Virtual-Reality-Station ein echter Knaller sein soll. Uff. Aber davor und danach machen wir auf jeden Fall eines: Fika.

Östergötland (Schweden)

Anreise: Vom Flughafen München mit Lufthansa bzw. BMI Regional.
Geld: Auch Kleinstbeträge können mit Kredit- oder EC-Karte bezahlt werden, Bargeld (zu wechseln am Flughafen) wird vielerorts gar nicht mehr angenommen.
Übernachtungen: Mitten in der Östergötlander Ebene nahe Berg liegt die Villa Freja, ein frisch renoviertes Hostel, in dem Häuser auch familienweise gemietet werden können (http://www.villafreja.se/Hyr-Villa-Freja in Norrköping gibt’s ein stylisches Comfort-Hotel (http://www.nordicchoicehotels.com in Omberg nächtigt man in einem historischen, aber neu renovierten Hostel (http://www.stocklycke.se
Kanal-Tour: http://www.kungsverker.se
Freilichtmuseum Gamla Linköping: http://www.gamlalinkoping.info
Karin Lorin Backkurse und Café: http://www.bostallets.se
Survivaltraining und Kanutouren: http://www.woodsandwater.se
Visualization Center C:
http://visualiseringscenter.se

Kontakt: Visit Sweden,
Tel. 040/32551320, http://www.visitsweden.de
Visit Östergötland, Tel. 0046/101036535, http://www.visitostergotland.se